Wenn der Hacker durch den Kühlschrank kommt
Alexa hört mit, die Spielekonsole ist ständig online und selbst der Kühlschrank hängt im WLAN: Unser Zuhause ist vernetzter denn je. Das ist praktisch, eröffnet Cyberkriminellen aber auch neue Angriffsmöglichkeiten. Im Rahmen des globalen „Cybersecurity-Monats“ bei LANXESS erläutert Kriminaloberkommissarin Inna Claus vom LKA NRW, wie professionell die Täter inzwischen vorgehen, welche Rolle KI spielt und was jeder Einzelne für mehr digitale Sicherheit tun kann.
Im Büro schützt mich die IT. Zuhause interessiert sich doch keiner für mich. Warum ist diese Denkweise gefährlich?
Cyberkriminelle interessieren sich vielleicht nicht für mich als Person – aber sehr wohl dafür, worauf ich Zugriff habe. Wer im Homeoffice arbeitet, hat häufig Zugang zu Unternehmensdaten und Geschäftssystemen. Gleichzeitig sind zu Hause oft Smart-Home-Geräte wie TVs oder Kühlschränke, Sprachassistenten oder andere vernetzte Geräte im Einsatz. Eine Schwachstelle in einem dieser Geräte kann Angreifern unter Umständen den Weg zu sensiblen Informationen oder weiteren Zugängen öffnen. Deshalb sollten regelmäßige Updates, sichere Passwörter und möglichst getrennte Netzwerke für berufliche und private Geräte selbstverständlich sein.
Hacker werden also immer professioneller. Vergessen wir das Bild vom Einzelgänger im dunklen Keller besser?
Zumindest beschreibt es die größte Bedrohung heute nicht mehr. Hinter vielen Angriffen stehen professionelle Netzwerke, die fast wie Unternehmen organisiert sind. Das nennen wir „Cybercrime-as-a-Service“. Die Täter bieten ihre kriminellen Dienstleistungen regelrecht an. Im Darknet werden Schadsoftware, gestohlene Zugangsdaten oder sogar komplette Angriffspakete gehandelt. Manche Gruppen betreiben sogar eine Art Kundenservice. Ihr Ziel ist, die Opfer davon abzuhalten, Polizei oder IT-Spezialisten einzuschalten und sie stattdessen möglichst schnell bezahlen zu lassen.
Wenn die Täter einmal im System sind: Wie machen sie daraus Geld?
Früher wurden Daten vor allem verschlüsselt und anschließend Lösegeld für ihre Freigabe verlangt. Heute kopieren die Täter Daten häufig zunächst und schleusen sie aus dem Unternehmen. Dann bauen sie Druck auf und drohen mit Veröffentlichung. Der eigentliche Angriff beginnt dabei oft nicht mit hochkomplexer Technik, sondern mit einem Klick. Phishing-Mails sind inzwischen so professionell gestaltet, dass wir uns nicht mehr darauf verlassen können, sie an offensichtlichen Fehlern zu erkennen. Der Faktor Mensch ist dabei ein wichtiges Einfallstor: Die Täter setzen gezielt auf persönliche Informationen und psychologische Muster wie Vertrauen, Zeitdruck oder die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Auch aktuelle Ereignisse wie Krisen werden dafür genutzt.
Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wir hatten einen Fall bei einem deutschen Automobilzulieferer: Eine Mitarbeiterin erhielt eine E-Mail, die scheinbar von ihrem Chef kam. Sie sollte eine Zahlung an einen Lieferanten auf eine neue Kontoverbindung überweisen. Die Täter hatten zuvor Informationen über das Unternehmen und die Mitarbeiterin gesammelt und wussten sogar, dass der Chef gerade nicht erreichbar war. Die Mitarbeiterin und eine Kollegin haben den Vorgang sogar überprüft – trotzdem wurde das Geld schließlich überwiesen und innerhalb kürzester Zeit auf zahlreiche Konten verteilt.
Hat die Polizei überhaupt eine Chance, die Täter zu erwischen?
Die Chancen sind besser, als man vielleicht denkt. Wir kennen viele krimi-
nelle Gruppen und ihre Vorgehensweisen und können digitale Spuren auswerten: Wie sind die Täter ins System gelangt? Wohin sind Daten oder Geld geflossen?
Unser erstes Ziel ist immer, das Unternehmen wieder arbeitsfähig zu machen. Wenn möglich, helfen unsere Spezialisten auch dabei, Daten wiederherzustellen. Deshalb mein Rat: Die Polizei möglichst früh einschalten.
Macht KI Cyberkriminelle denn noch gefährlicher?
Künstliche Intelligenz macht Angriffe noch überzeugender. Sie kann dabei helfen, Schadsoftware zu entwickeln oder Phishing-Nachrichten so zu formulieren, dass sie sehr glaubwürdig wirken. Auch Deepfakes und geklonte Stimmen werden zum Problem. Für eine täuschend echte Stimmenimitation können inzwischen kurze Sprachaufnahmen ausreichen, wie sie etwa in sozialen Medien zu finden sind. Gleichzeitig müssen wir KI-Anwendungen selbst als mögliches Angriffsziel betrachten. Unternehmen verarbeiten darin zunehmend sensible Informationen. Auch diese Daten müssen geschützt werden.
Was kann jeder für mehr Sicherheit tun?
Bei verdächtigen Nachrichten lieber einmal zu viel prüfen als vorschnell reagieren. Und wenn doch etwas passiert: nicht vertuschen und nicht allein lösen wollen, sondern frühzeitig melden. Cybersecurity ist keine Aufgabe der IT allein – jeder Einzelne kann durch Aufmerksamkeit und gute Cyberhygiene dazu beitragen, Angriffe zu verhindern.
Tipps
So bleiben Sie sicher
Updates machen
Betriebssysteme, Apps und Programme regelmäßig aktualisieren, um eventuelle Sicherheitslücken zu schließen.
Passwörter schützen
Für wichtige Zugänge starke, unterschiedliche Passwörter verwenden und – wo möglich – die Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren.
Erst prüfen, dann klicken
Links und Anhänge in E-Mails nicht vorschnell öffnen. Auch bei scheinbar bekannten Absendern gilt: Wirkt etwas ungewöhnlich, lieber nachfragen.
Geräte und Netzwerke trennen
Im Homeoffice berufliche und private Geräte bzw. Netzwerke möglichst getrennt halten. Auch Smart-Home-Geräte sollten sicher konfiguriert und regelmäßig aktualisiert werden.
Daten sichern
Wichtige Daten regelmäßig sichern – idealerweise so, dass das Backup nicht dauerhaft mit dem Netzwerk verbunden ist.
Bei Verdacht: Handeln
Verdächtige E-Mails über Melde-Button in Outlook melden. Bei Rückfragen schreiben Sie gerne eine
E-Mail an: informationsecurity@lanxess.com
Teilen Sie Ihre Erfahrung auch gerne in der Cybersecurity Community in Team.