KI trifft Chemie - und dem Treibhausgas geht die Luft aus!
Die
Welt sucht nach Lösungen gegen den Klimawandel – in einem unscheinbaren
Labor bei LANXESS in Leverkusen entsteht gerade eine. Hier hat ein
kleines Team ein neues Produkt mit vielversprechendem Potenzial
entwickelt: ein neues Lewatit®-Harz, das CO2 direkt aus der Außenluft
ziehen kann. Wie es dazu kam? Indem sich das Forschungsteam um den
Chemiker Julian Krischel, BU LPT, mit der Data Science-Kollegin Hanna
Kahlfeld, GF IT, zusammentat.
Optisch
machen sie so einzeln betrachtet nicht viel her, die kleinen roten,
orangefarbenen, schwarzen oder weißen Kügelchen der Marke Lewatit®. Aber
zusammen sind sie echte Kraftpakete und faszinieren durch ihre
Vielseitigkeit. Die Kügelchen der BU LPT befreien Wasser von
Schadstoffen, helfen, Batterien zu recyceln und können sogar CO2 aus
der Luft entfernen. Einziger Wermutstropfen, das Luftfiltern war bisher
auf geschlossene Räume wie Gewächshäuser, U-Boote und die
ISS-Raumstation beschränkt. Was zwar auch schon ziemlich beeindruckend
ist, doch die Entwickler bei LPT sahen mehr Potenzial in ihrem bereits
etablierten Lewatit® VP OC 1065. „Wir wollten auch CO2 aus der Luft im
Freien herausfiltern“, sagt Julian Krischel, Leiter Produktinnovation,
zuständig für das Projekt Direct Air Capture, BU LPT. Denn erst wenn das
gelänge, würden die Kügelchen von LANXESS einen maßgeblichen Teil dazu
beitragen, den Klimawandel zu stoppen. Der Anspruch war und ist daher
hoch, der Erfolgsdruck ebenfalls.
Lewatit® mit mehr Potenz
Aktuell
sind weltweit rund 50 Direct-Air-Capture-Anlagen in Betrieb, die das
Treibhausgas permanent aus der Luft entfernen können. Im vergangenen
Jahr waren es noch 20 weniger. Eine der größten Anlagen steht auf
Island. Sie schneidet 4.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft. Gerade
wird dort eine deutlich größere Anlage gebaut: Sie soll 36.000 Tonnen
CO2 pro Jahr unschädlich machen. Bis 2030, so plant das Unternehmen,
sollen mehrere Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft gesogen
werden, bis 2050 sogar mehrere Milliarden.
„Die Suche nach
unterschiedlichen technischen Lösungen zur Adsorption von CO2 ist
groß“, sagt Krischel. Ein wachsender Markt. Doch für unsere Aufgabe
musste das Lewatit® potenter werden. Damit das klappt, holte sich das
LPT-Innovationsteam mit Hanna Kahlfeld eine KI-Expertin mit ins Boot.
KI
beschleunigt die PRozesse Hanna Kahlfeld kennt sich mit der Anwendung
von KI bei Problemstellungen wie der vorliegenden aus: „KI kann helfen,
die Produktentwicklung schneller und sogar innovativer zu machen.“ Dabei
wird die KI mit Daten so trianiert, dass sie gezielt Rezepturvorschläge
mit der höchsten erwarteten Leistungssteigerung generiert. Diese
Rezepturen werden dann im Labor getestet. Anhand der Testergebnisse kann
die KI mit noch besseren Daten „gefüttert“ werden.
In der
vorliegenden Rezeptur für die Ionenaustauscher gab es rund 30 Variablen
und sieben Zielparameter. Alle diese Variablen in den
unterschiedlichsten Varianten für eine neue Rezeptur im Labor zu testen,
hätte Jahrzehnte gedauert und immense Kosten verursacht. In genau
diesem Fall kam noch ein Problem hinzu: Es lagen nur wenige
Versuchsdaten vor. „Genau hier spielt unser Ansatz seine Stärken aus“,
so Kahlfeld. Das KI-Modell kann nicht nur Vorhersagen treffen, sondern
auch deren Unsicherheit einschätzen. Gerade bei kleinen Datensätzen ist
das entscheidend, um trotzdem zu besseren Rezepturen zu gelangen. „So
finden wir einen klaren Weg durch den komplexen Parameterraum und
reduzieren die Zahl der nötigen Versuche deutlich“, fasst Kahlfeld
zusammen.
Verhältnis vieler Parameter entscheidend
Der
Chemiker Julian Krischel wusste genau, was die neue Rezeptur leisten
sollte. Die Kügelchen sollen viel CO2 aufnehmen, dürfen dabei aber
nicht zu porös sein. Adsorptionskapazität, Stabilität und
Quellungseigenschaften mussten also ausgewogen im richtigen Verhältnis
liegen.
Die KI lieferte Rezepturvorschläge, die Krischel und sein
Team im Labor testeten. Die Laborergebnisse spielte Kahlfeld an die KI
zurück, damit diese in der Folge noch bessere Rezepturvorschläge
generieren konnte. Bereits in der zweiten Iteration schlug die KI zwei
neuartige Formulierungen vor, die laut Modellvorhersage in verschiedenen
Bereichen sehr gut performen sollten. Krischel erkannte hier noch mehr
Potenzial und kombinierte kurzer hand die beiden Formulierungen. Seine
neue Formulierung erwies sich als voller Erfolg. „Bereits nach zwei
Versuchswiederholungen hatten wir eine Formulierung gefunden, die alle
unsere Wunschvorstellungen erfüllte“, so Krischel. Dies ist ein
Paradebeispiel dafür, dass der Schlüssel zum Erfolg in der Kombination
von KI-Denkkraft und Domänenexpertise liegt.
Beeindruckendes Ergebnis
Das
Ergebnis kann sich sehen lassen: Die neuen Ionenaustauscher können
doppelt so viel CO2 aufnehmen wie die bisher verwendeten. Ihre
kinetischen Eigenschaften („Schnelligkeit der Aufnahme“) haben sich
gesteigert. Das hat Einfluss auf ihre gesamte Leistungsfähigkeit – sie
gehören zu den Besten ihrer Klasse.
Für diesen gesamten Prozess
brauchte das Team nur zehn Monate. Der erste Schritt ist somit
geschafft. Jetzt geht es in die Produktion. „Es ist immer ein spannender
Moment, wenn es vom Labor in die Anlage geht. Wir sind froh, dass wir
dabei auf die Fachkompetenz und Erfahrung unserer Kolleginnen und
Kollegen im Betrieb zählen können“, so Krischel. Ab 2026 soll der neue
Ionenaustauscher verfügbar sein. Dann könnten die kleinen Kügelchen den
hochgesteckten Ansprüchen genügen und in den Direct-Air-Capture-Anlagen
ihren Teil dazu beitragen, das große Problem der Klimaerwärmung zu
lösen.
Hintergrund-Information
Großes Saubermachen in der Luft
Das
Treibhausgas CO2 ist in unserer Atmosphäre relativ gleichmäßig
verteilt. Um die Direct-Air-Capture-Anlagen besonders effizient
betreiben zu können, werden sie deshalb dort errichtet, wo Energie
besonders günstig erzeugt werden kann. Die weltweit größte Anlage steht
deshalb auf Island, in der Nähe eines aktiven Vulkans. So kann die
Energie des dortigen Geothermiekraftwerks perfekt genutzt werden. Die
Anlage saugt die Luft an und entzieht ihr mithilfe chemischer Filter das
CO2. Ideal sind dafür regenerierbare chemische Filter wie die mit dem
Lewatit® VP OC 1065. Der Einsatz dieser Klasse von chemischen Adsorbern
ermöglicht ein kontinuierliches und nachhaltiges Verfahren, während
Umweltbelastungen sowie Kosten für den regelmäßigen Materialaustausch
geringgehalten werden. Anschließend wird das gesammelte Treibhausgas
unterirdisch eingelagert, wo es auf natürliche Weise umgewandelt und
somit dauerhaft gespeichert wird.
Interview
"Wir wollen etwas bewegen!"
Der
Forschungsleiter für das Thema Direct Air Capture Julian Krischel
spricht im Xpress-Interview über den letzten Schritt: Die neue Rezeptur
aus dem Labor in den Betrieb zu bringen. Denn nur wenn das neue Lewatit®
für die CO2-Filtrierung auch skalierbar ist, öffnet sich für LANXESS
ein neuer großer Zukunftsmarkt.
Zwischen
zwei Terminen mit den Betriebsmeistern kurz ins Labor huschen, das
neueste Kundenfeedback besprechen oder aktuelle Messwerte checken – für
Julian Krischel, Head of Innovative Product Development in der Business
Unit LPT, ist das seit rund einem Jahr Alltag. Er arbeitet mit einem
kleinen Team unter Hochdruck daran, das neu entwickelte Lewatit® zum
Durchbruch zu verhelfen: Ziel ist, dass es CO2aus der Außenluft holt –
dauerhaft, effizient und skalierbar. Sein Büro im traditionsreichen
Gebäude Q18 im Chempark Leverkusen und die Laborflächen, die seinem Team
zur Verfügung stehen, liegen nur ein paar Meter auseinander. „So bleibe
ich ganz nah dran – auch wenn der Kalender voll ist“, sagt er.
Dass
sich die drei Forschenden voll und ganz auf ein einziges Thema
konzentrieren können, empfindet er als großes Privileg – und als hohe
Verantwortung, mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen bedacht
umzugehen. „Natürlich fühlen wir eine Verpflichtung, möglichst schnell
Ergebnisse zu liefern“, sagt er. „Zum Glück ist uns das bisher auch sehr
gut gelungen – dank der großartigen Unterstützung, die wir aus dem
Marketing, dem Betrieb, von unseren KI-Experten, aber auch vonseiten der
BU-Leitung bekommen.“ Gerade sind wieder neue Proben von Lewatit®
Aeropure aus dem Betrieb angekommen – für das Team jedes Mal ein Moment
voller Spannung und Erwartung.
Herr Krischel, wie läuft die Skalierung des neuen Lewatits@ im Betrieb?
Julian Krischel:
Es finden gerade die ersten Betriebsversuche statt. Natürlich haben wir
bei der Entwicklung immer schon die Bedingungen im Betrieb im Blick
gehabt, aber das sogenannte „Upscaling“ bringt noch einmal ganz eigene
Herausforderungen mit sich. Statt in Drei-Liter-Kesseln, in denen wir
hier im Labor bisher produziert haben, muss der Prozess jetzt auf
Produktionsanlagen mit mehr als zehn Kubikmetern Fassungsvermögen
übertragen werden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend – deshalb
sind wir zuversichtlich, dass alles nach Plan läuft.
Die neue Technologie steht noch am Anfang. Wie groß ist ihr Marktpotenzial?
Enorm.
Die politischen Rahmenbedingungen, etwa der CO2-Zertifikat-Handel,
treiben die Nachfrage nach neuen Klimatechnologien. Wir sehen einen
Zukunftsmarkt – gerade in den Direct-Air-Capture-Anlagen –, der gerade
erst entsteht. Und wir wollen von Anfang an mitgestalten. Dabei ist
unsere mehr als 80-jährige Erfahrung mit Ionenaustauschern natürlich
ein echter Vorteil – es gibt bereits viel Know-how aus mehr als 170
Produkten, auf das wir zurückgreifen können. In vielen Märkten gelten
unsere Produkte als Maßstab – das öffnet Türen.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit unserem Kunden?
Sie
ist zentral – und der Ausgangspunkt für jede neue Entwicklung. Denn
jede Anlage funktioniert technisch ein wenig anders oder bringt aufgrund
ihres Standorts und den damit verbundenen äußeren Bedingungen wie
Temperatur oder Luftfeuchtigkeit ganz eigene Anforderungen mit sich.
Aufnahmekapazität, Langlebigkeit, Schnelligkeit – wir definieren
gemeinsam mit unserem Kunden alle Parameter bis ins kleinste Detail und
lassen unser Produkt dann ausgiebig auf Kundenseite testen. Unser Ziel:
ein flexibles Basismaterial entwickeln, das sich mit minimalem Aufwand
an unterschiedliche Einsatzszenarien anpasst.
Wer so lange Zeit so tief in ein Thema einsteigt: Was treibt Sie persönlich an?
Die
Chance, mit Forschung etwas wirklich Relevantes zu bewegen. Unsere
Technologie macht es möglich, CO2 permanent aus der Luft zu entfernen –
ein großer Hebel für ein besseres Klima. Auch das Produkt selbst ist
nachhaltig: Es muss zwar in entsprechenden Zyklen regeneriert werden,
aber unsere Ionenaustauscher sind über einen sehr langen Zeitraum
leistungsfähig. Saubere Luft und sauberes Wasser sind keine
Selbstverständlichkeit – sie sind essenziell für unsere Lebensqualität.
Dazu einen Beitrag zu leisten, ist einfach ein tolles Gefühl.
Sollten
Sie Interesse an KI-Unterstützung für Ihr R&D-Projekt haben, kommen
Sie gern auf Hanna Kahlfeld oder das Team „IT Analytics & AI –
Procurement & R&D Analytics“ zu!