Mehr Mut wagen!
Wer
mental fit ist, leistet mehr. Das ist gut fürs Unternehmen, aber vor
allem auch für den Mitarbeitenden selbst. Wie es gelingen kann,
optimistisch und zuversichtlich sein eigenes Arbeitsleben zu gestalten,
erläutern in ihren Veranstaltungen in der „Woche der mentalen
Gesundheit“ die beiden Experten Hans Rusinek und Carl Naughton. Auf
Spurensuche.
Die
Nachrichten wollen nicht besser werden – weder innerhalb noch außerhalb
des Unternehmens. Das Warten auf den wirtschaftlichen Aufschwung ist
zermürbend. Dass er nicht kommt, daran kann ich persönlich nichts
ändern. „Das stimmt. Aber ob er kommt oder nicht, ist unabhängig von der
Entscheidung, sich innerhalb der Arbeit für ein Projekt zu engagieren.
Äußere Umstände im Blick zu behalten ist wichtig, aber sie hindern uns
nicht daran, selbst aktiv zu werden“, sagt Zukunftsforscher Carl
Naughton. Gut, aber der Blick nach draußen schlägt aufs Gemüt, sprich:
auf die Motivation. Auch dafür hat der Experte eine Antwort parat. Er
hat auf ziemlich viele Fragen Antworten, die nur einen Schluss zulassen:
Wer sich engagiert, selbst wenn er dabei Fehler macht oder Rückschläge
erleidet, wird am Ende eher Erfolg haben, sich selbst besser fühlen und
einen wertvollen Beitrag fürs Unternehmen leisten.
Die Basis bildet der Zukunftsmut
Carl
Naughton hat den Begriff „Zukunftsmut“ aus dem Konzept des
„Psychologischen Kapitals“ entwickelt. „Er ist leichter zu verstehen,
weckt Optimismus und keine Assoziationen zu Freud und Marx“, sagt er. Es
gilt, das psychologische Kapital, das jeder von uns hat, auszuschöpfen.
„Studien belegen, dass Menschen mit hohen psychologischen Ressourcen
motivierter, leistungsfähiger und widerstandsfähiger sind“, sagt der
promovierte Sprachpsychologe. Doch wie kann man ihn in Zeiten von
täglich neuen negativen Schlagzeilen entwickeln? „Durch Zuversicht,
Zutrauen, Robustheit und realistischen Optimismus. Durch diese vier
Dimensionen kann vieles gelingen“, sagt Naughton.
Zuversicht als innere Haltung
Und
so könnte man wiederum fragen: Wie kann ich angesichts der vielen
Krisen und Unsicherheiten in dieser Welt Zuversicht gewinnen? „Das lässt
sich trainieren“, ist Naughton überzeugt. Gerade Zuversicht sei eine
Frage der inneren Haltung. Gehe ich davon aus, dass das gerade vom Chef
vorgestellte neue Projekt sowieso nichts wird? Oder habe ich die
Haltung: ‚Ja, ich begreife dieses neue Projekt als Chance, will es
mitgestalten und daran teilhaben, dass es ein Erfolg wird.‘ „Wir reden
hier nicht von einem blinden Optimismus. Wir schauen genau hin und
gewinnen auch Sicherheit, indem wir uns mögliche künftige Probleme
vorstellen und uns Lösungen dafür überlegen.“ Selbst nach einem
Tiefschlag fragt der zuversichtliche Kollege: „Und was probieren wir als
Nächstes?“ So motiviert er auch sein Team und reißt es mit.
Zuversichtliche Menschen bleiben handlungsfähig, suchen Lösungen und
Alternativen und werden kreativ. Naughton ergänzt: „Studien zeigen, dass
zuversichtliche Teams stressresistenter sind und bessere Lösungen
entwickeln, weil sie ihre Energie nicht mit Grübeln verschwenden,
sondern ins Handeln investieren.“
Zutrauen durch Erfahrung
Zutrauen
ist hingegen eine Frage davon, wie sehr ich an meine Selbstwirksamkeit
glaube. Wir alle kennen den Moment, in dem wieder eine Veränderung
kommt: ein neues Programm, ein Projekt mit ganz neuen Parametern – alles
erscheint schwierig. Jetzt entscheidet wieder die innere Haltung.
Hierbei kann es helfen, sich daran zu erinnern, was man schon alles
geschafft hat. Welche Herausforderungen man schon aktiv und mit viel
Energie angegangen ist und trotz einiger Stolpersteine gemeistert hat.
„Die Forschung zeigt: Wer sich selbst etwas zutraut, bleibt motivierter,
ist belastbarer und hat mehr Freude an der Arbeit“, sagt Naughton.
Für das Unternehmen entscheidend
Gerade
diese Einstellung ist für Unternehmen von größter Bedeutung: „Zutrauen
ist die Basis für Veränderungsbereitschaft und Innovation.“ Denn nur wer
an die eigene Gestaltungskraft glaubt, probiert Neues aus und treibt
Wandel voran. „In Zeiten der Transformation ist Zutrauen deshalb kein
Luxusgut, sondern eine Kernkompetenz – für jeden von uns und für uns
alle gemeinsam“, schließt er.
Robustheit macht zukunftsfähig
Nelson
Mandela sagte einmal: „Ich verliere nie. Entweder ich gewinne oder ich
lerne.“ Dieses Zitat des Friedensnobelpreisträgers steht für eine
außergewöhnliche Robustheit. Selbst nach einem langen Gefängnis-
aufenthalt
verlor er sie nicht. Heruntergebrochen auf unsere Arbeit heißt das:
Egal, was wir tun oder neu angehen, es wird immer Rückschläge geben. Wie
wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend. Versinken wir im Frust und
werden passiv oder versuchen wir, Rückschläge als Sprungbrett zu nutzen,
aus Fehlern zu lernen und uns zu verbessern?
Wandel ist selten geradlinig
Robustheit ist laut Naughton ein Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens. Tiefschläge lassen sich mit Robust-
heit aushalten und sogar proaktiv nutzen. „So bleiben wir als Team handlungsfähig – selbst in stürmischen Zeiten“, sagt er.
Realistischer Optimismus stärkt Teams
Wer
Rückschläge eher äußeren Umständen zuschreibt, betrachtet sie als
vorübergehend und kann optimistischer in die Zukunft blicken und aktiv
werden. „Gerade in Teams ist realistischer Optimismus wichtig“, sagt
Naughton. Er wirkt wie ein Stimmungsanker: Wenn die anderen zweifeln,
erinnert er sie daran, dass Fortschritte möglich sind. So bleibt die
Balance zwischen nüchterner Analyse und motivierendem Zukunftsblick
erhalten. „Führungskräfte, die realistischen Optimismus vorleben,
schaffen eine Atmosphäre, in der Mitarbeitende auch in schwierigen
Zeiten Vertrauen und Orientierung finden“, so Naughton. Für ihn ist
realistischer Optimismus die Haltung, die Wandel trägt. Sie verbindet
Klarheit mit Hoffnung und Realitätssinn mit Tatkraft. „Und genau das
brauchen wir, um mutig, entschlossen und erfolgreich in die Zukunft zu
gehen.“
Drei Fragen an Hans Rusinek
Er hat an der Universität St. Gallen promoviert und forscht dort bis heute zum Wandel unserer Arbeitswelt.
Herr
Rusinek, Sie setzen sich für eine bessere Zukunft der Arbeit ein. Sagen
wir, ich befände mich mit meiner Arbeit in einer Krise. Was sollte ich
tun?
Zunächst gilt: Krisen haben immer auch eine positive Seite.
Sie sind oft der Anstoß für Veränderungen. In Ihrem Fall rate ich zu
einem offenen Gespräch mit dem Vorgesetzten. Das Gespräch ist unsere
beste „Reparatursoftware“. Erläutern Sie differenziert, warum Sie
frustriert sind und welche Leistungen Sie für das Unternehmen erbringen
könnten. Geben Sie Ihrem Chef dann mindestens drei Monate Zeit zu
reagieren. Er wird etwas tun.
Solch ein Gespräch erfordert Mut ...
Das
stimmt, aber Sie haben nur etwas zu gewinnen. Sie verbringen etwa ein
Drittel Ihrer Zeit mit Arbeit. Dieses Drittel sollte auch sinnstiftend
sein. Studien zeigen, dass Menschen, die in ihrem Job einen Sinn finden,
bessere Leistungen erbringen, mehr Wertschätzung erfahren und auch im
Privatleben viel ausgeglichener und glücklicher sind. Es gibt
Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen. Das oft beschriebene Modell –
ich gehe zur Arbeit, reiße dort meine Zeit ab, um Geld zu verdienen,
und lebe mein wahres Leben im Privaten – funktioniert nicht. Wenn wir
bei unserer Arbeit nichts mehr fühlen, dann geht es uns so auch im
Privatleben. Der Mensch kann sich nicht zweiteilen. Mutige Mitarbeitende
sind für Unternehmen von sehr großem Wert.
Warum?
In
einem Experiment wurden Studierende in ein Wartezimmer gesetzt, in dem
sich langsam Qualm ausbreitete. Als die Probanden in der ersten
Anordnung jeweils allein in dem Raum saßen, verließen sie ihn schnell,
um sich vor einem scheinbaren Hausbrand in Sicherheit zu bringen. In der
zweiten Anordnung wurden immer Dreiergruppen ins Wartezimmer geführt.
Wieder qualmte es, doch nun verging sehr viel mehr Zeit, bis einer von
ihnen Hilfe holte. Jeder verlässt sich auf den anderen – und am Ende
kann es zu spät sein, bis jemand auf ein Problem aufmerksam macht.
Deshalb: Seien Sie mutig und schreiten Sie voran!