Flüchtige Verbindung

Ein Betrieb mit eigener Fahrzeugflotte, einer „Stallwache“ und einem Produkt, das nach kurzer Zeit fast spurlos verschwindet: Der Velcorin®-Betrieb der BU MPP mit seinen Standorten in Dormagen und Krefeld-Uerdingen ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Ein Betriebsbesuch bei den Produzenten des Kaltentkeimers.


Andreas Gratz ist Experte für Mimosen. Dabei ist er weder Hobby-Botaniker noch Verhaltenstherapeut. Der Chemieingenieur ist 2. Betriebsleiter bei LANXESS und hat es hier mit einem echten „Sensibelchen“ zu tun: Dimethyldicarbonat  – das LANXESS unter dem Markennamen Velcorin® vertreibt – ist so etwas wie die Diva unter den Chemikalien: „Unser Produkt zersetzt sich extrem leicht. Es reagiert sensibel auf Luftfeuchtigkeit, Temperatur sowie alle Materialien, mit denen es in Kontakt kommt. Das macht die Herstellung unseres Kaltentkeimungsmittels besonders anspruchsvoll“, berichtet der 2. Betriebsleiter.

Zwei Standorte, ein Team
Zum Glück besteht das Velcorin®-Betriebsteam aus echten Experten, die über Wissen und Erfahrung aus mehreren Jahrzehnten Produktion verfügen. 1963 ging der Velcorin®-Betrieb in Krefeld-Uerdingen in Betrieb, 2005 folgte die Produktion in Dormagen. „Zwei Standorte, ein Team – das ist hier quasi unser Leitspruch“, erläutert Nils Brinkmann, 1. Betriebsleiter der beiden Velcorin®-Betriebe.

Das Besondere: Die beiden Produktionsbetriebe wechseln sich ab. Rund sechs Monate wird an einem Standort produziert, dann wird die Anlage heruntergefahren, gewartet und instand gehalten, während der andere Standort übernimmt. „Diese Redundanz haben wir auf Wunsch unserer Kunden aufgebaut. Denn mit Velcorin® sind wir Alleinhersteller. Sollte es in der Produktion zu ungeplanten Stillständen kommen und sollten wir unsere Liefertermine nicht einhalten können, stünde auch die Anlage beim Kunden still. Und das gilt es natürlich in jedem Fall zu vermeiden“, so Brinkmann weiter.

So gibt es im Team regelmäßig die Funktion der „Stallwache“ zu besetzen. Diese sieht im leeren Betrieb nach dem Rechten, wenn die Maschinen stillstehen. „Wer weiß, vielleicht wird diese Position aber irgendwann auch überflüssig. Denn die Nachfrage nach unserem Produkt ist mittlerweile so gestiegen, dass wir mittelfristig möglicherweise nicht mehr mit nur einer Anlage auskommen“, sagt der Betriebsleiter stolz.
Gleich, aber doch verschieden
Ein Produkt alternierend an zwei Standorten herzustellen – das fordert dem Team natürlich einiges an Flexibilität ab. Zum einen wechselt regelmäßig der Arbeitsort und es kann sein, dass auch mal spontan gependelt werden muss. Dank der betriebseigenen Fahrzeugflotte ist dies jedoch kein Problem. Aber auch von der Technik her ist die Arbeit für das Team komplex: „Beide Anlagen nutzen das gleiche Herstellungsverfahren, verhalten sich aber im Detail unterschiedlich, da zum Beispiel Apparate aus anderen Materialien verbaut sind. Außerdem arbeiten wir mit zwei unterschiedlichen Prozessleitsystemen“, erläutert Christian Hachenberg, Leiter der technischen Abteilung. „Wir rechnen daher mit einem bis eineinhalb Jahren, bis neue Kolleginnen und Kollegen in beiden Anlagen richtig eingearbeitet sind.“  

Reinheitsgebot
Neben der verlässlichen Lieferung legen die Kunden höchsten Wert auf Reinheit und Qualität. Denn Velcorin® ist ein zugelassener Lebensmittelzusatzstoff, beide Betriebe werden jährlich nach FSSC 22.000 auditiert. „Die hohe Reinheit ist auch wichtig für die Haltbarkeit des leicht zersetzlichen Produkts. Wir liegen hier bei einem Wert von 99,9 Prozent“, erläutert Betriebsmeister Markus Maubach. „Das schafft man nur, wenn alle Parameter im Prozess stimmen.“ Ohne eine genaue Qualitätskontrolle verlässt daher keine der 5- und 28-Liter-Alukannen das Lager. Jeder Betrieb hat daher ein eigenes Labor. Die Endabnahme erfolgt aber immer im Uerdinger Preventol®-Betrieb – also quasi von unabhängiger Stelle.

Gerade machen sich wieder ein paar Proben aus Dormagen auf die rund 45 Kilometer lange Strecke. Wenn das Labor dort grünes Licht gibt, kann die Abfüllung beginnen und die Palette mit Ware für einen Kunden in Übersee dann das Lager verlassen. Darin enthalten: ein „unsichtbares Produkt“, hergestellt von einem sichtbar motivierten Team.


Infobox
40 Jahre Kompetenz
•    Im Uerdinger Betrieb wird seit 1978 Dimethyldicarbonat – also Velcorin® – produziert. 2005 ging die Anlage in Dormagen in Betrieb, die damals noch Teil der BU
Saltigo war. Seit 2011 gehören beide Betriebe zur Business Unit MPP.
•    Zum Betriebsteam zählen insgesamt 48 Mitarbeiter: 35 Mitarbeitende auf Wechselschicht, das Versand- und Administrations-Team mit 8 weiteren Kollegen sowie 5 Kollegen aus der Technik.
•    Beide Anlagen sind lebensmittel-, koscher- und halalzertifiziert und durchlaufen dafür jährlich verschiedene Audits



Starkes Sensibelchen
•    Velcorin® ist ein Kaltentkeimungsmittel für die Getränkeindustrie. Es wird unter anderem für Säfte, Schorlen, Biermischgetränke und Wein verwendet.
•    Das LANXESS-Produkt wird in Dormagen und Krefeld-Uerdingen hergestellt und von dort in die ganze Welt verschickt.
•    Dimethyldicarbonat (Velcorin®) ist leicht zersetzlich: Innerhalb von rund vier Stunden  hydrolysiert es im Getränk zu Methanol und CO2 und ist nicht mehr nachweisbar.
•    Velcorin® ist ein Lebensmittelzusatzstoff und hat eine eigene E-Nummer (E242).