Im Abseits erblüht
Vor 30 Jahren gegründet, gewachsen und
bis heute auch in konjunkturell schwierigen Zeiten eine „Festung von
LANXESS in Amerika“: So bezeichnete CEO Matthias Zachert den
Maleinsäureanhydrid-Betrieb der Business Unit Advanced Industrial
Intermediates in Baytown, Texas, bei seinem Besuch im Oktober.
Jürgen
Müller ist ein alter Hase im Geschäft, seit 43 Jahren ist er für
verschiedene Jobs und Firmen der Chemiebranche im Einsatz. Seit 2018
arbeitet er nun für LANXESS in Baytown. Hubert Fink rief ihn an. Man
kannte sich. „Er fragte, ob ich mir erneut vorstellen könnte, nach Texas
zu gehen – das konnte ich.“ Seitdem managt er die
Maleinsäureanhydrid-Produktion der BU AII. Müller bringt so schnell
nichts aus der Ruhe. „Aber dieser Vorstandsbesuch hat uns hier schon ein
bisschen nervös gemacht“, gesteht er. Erstmals kam Matthias Zachert in
den Industriepark und betrachtete den von der Manpower kleinen – 40
Mitarbeitende –, vom Output jedoch großen – maximal 70.000 Tonnen
Maleinsäureanhydrid pro Jahr – Standort und war beeindruckt. Er sprach
sogar von einer „unglaublichen Erfahrung“. Offensichtlich hatten Müller
und sein Team alles richtig gemacht.
Allein ein Blick in die
Unfallstatistik des Standortes lässt erahnen, warum Matthias Zachert so
positiv gestimmt war. Vor 30 Jahren wurde das Unternehmen mitten im
Industriepark gegründet – vor 16 Jahren gab es den letzten und einzigen
Unfall mit Ausfalltagen. „Der Unfall war bedauerlich, aber auf die Quote
sind wir natürlich stolz“, sagt Müller und verweist nebenbei darauf,
dass sie erst 2020 den CEO Safety Award gewonnen haben. Ihre sehr gute
Sicherheitskultur hat ihnen auch eine Auszeichnung der US-Bundesbehörde
OSHA (Occupational Safety and Health Administration) eingebracht. „Seit
2008 sind wir eine OSHA VPP Star Site, was uns bestätigt, dass wir
freiwillig Außergewöhnliches leisten, um arbeitsbedingte Sicherheits-
und Gesundheitsrisiken zu vermeiden und uns gleichzeitig auf allen
Ebenen in diesem Bereich kontinuierlich zu verbessern“, erklärt Müller.
Diese Auszeichnung sei schwer zu erreichen und mit viel Vorarbeit
verbunden gewesen. Doch nicht nur mit den vielen Auszeichnungen, die in
den Regalen des Verwaltungsgebäudes kaum noch Platz finden, konnte der
Standort bei der CEO-Besichtigung punkten.
Das Produkt
Maleinsäureanhydrid steckt in vielen verschiedenen Anwendungen. Es
findet sich etwa im Einwickelpapier der Burger bei McDonalds ebenso wie
in der Papierleimung bis hin zur Apfelsäure in der
Lebensmittelindustrie. Der größte Bereich ist jedoch die Bauindustrie
mit ihren verschiedenen Polyesterharzen, und auch in Schmierölzusätzen
ist es nicht unwichtig. Der LANXESS--Standort Baytown ist der
zweitgrößte Produzent von Maleinsäureanhydrid in den USA und kann auch
in schwierigen Zeiten eine Auslastung von 85 bis knapp 90 Prozent
halten. „Im Corona-Jahr 2020 haben wir mit 68.000 Tonnen fast unter
Volllast produziert“, sagt Müller. Das sei schon eine Herausforderung
gewesen. Die Herstellung von Maleinsäureanhydrid klingt nicht einfach:
„Es entsteht durch Luftoxidation von n-Butan in explosionsfähiger
Atmosphäre.“ Nun, beim Laien bleibt hier nur das Wort „explosiv“ hängen,
und er versteht wieder einmal, warum dort alle so stolz auf ihre
Sicherheitsbilanz sind. Was aber auch mitschwingt, ist der sehr hohe
Energieeinsatz. Für eine Tonne Produkt werden rund 18.000 Tonnen Dampf
erzeugt. Doch der bringt sogar Geld in die Kasse: „Den verkaufen wir an
unseren Nachbarn Covestro“, sagt Müller.
Müller ist viel
herumgekommen und immer auf der Suche nach Verbesserungen. Ihn treibt
die Produktion um: „Ich will so wenig ungeplante Stillstände wie
möglich. Das senkt unsere Leistung und den Umsatz.“ Aber die
Stillstände, die ihm bei seinem Antritt 2018 große Sorgen bereitet
hatten, hat er mit seinem Team in den Griff bekommen. Durch den
Austausch einiger wichtiger Anlagenteile und eine gezieltere
vorausschauende Instandhaltungsplanung konnte die Quote stark gesenkt
werden. Was den Vorstandsvorsitzenden aber wohl am meisten beeindruckte:
Baytown produziert nicht nur in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fast
unter Volllast, der Standort erzielt auch gute Margen.
Beim
Blick in seine Bücher ist Müller auch zufrieden – fürs nächste Halbjahr
sind sie schon gut gefüllt. Matthias Zachert hat beim Abschied
versprochen, wiederzukommen. Gute Nachrichten hört wohl auch er mal
gerne ...
Große Wirkung
Mit
nur 40 Mitarbeitenden ist der Standort der zweitgrößte
Maleinsäure-Produzent Amerikas. 75 bis 90 Prozent der Produktion werden
in den USA vertrieben.
Kurzinterview mit Harold Solomon, Sr. Manufacturing Project Support, BU AII:
Was schätzen Sie am Standort Baytown und was wünschen Sie ihm für die Zukunft?
Besucher
haben uns oft gesagt, dass wir wie eine Familie arbeiten. Wir haben
viele Stunden gemeinsam an der Perfektionierung der Anlage gearbeitet
und dabei gelernt, dass alle Hindernisse überwunden werden können. In
stressigen Zeiten rückt unser Team zusammen und hilft sich gegenseitig,
auch über die eigentlichen Aufgaben hinaus. Ich hoffe, dass diese
Philosophie auch weiterhin Bestand haben wird.
Wie wird Ihr Job ab Januar aussehen?
Ich
werde versuchen, meine 30-jährige Erfahrung an neue Kolleginnen und
Kollegen weiterzugeben. Unsere Anlage läuft heute fast reibungslos.
Weniger Stillstandszeiten und Störungen sind immer das Ziel, aber damit
sinkt leider oft auch die Fähigkeit, Fehler zu beheben. Deshalb ist es
meine Aufgabe, immer wieder „Was-wäre-wenn“-Fragen zu stellen. Das
können absurde Fragen sein wie: „Was wäre, wenn ein Flugzeug in unsere
Absorberkolonne fliegt?“. Wir lachen dann, aber um sie beantworten zu
können, muss man die gesamte Anlage kennen und wissen, wie alles
zusammenhängt.
Infobox:
Wissen sichern
Das
Team in Baytown ist klein und familiär. Umso mehr schmerzt es Müller,
dass in den nächsten fünf Jahren fast die Hälfte der Belegschaft in den
Ruhestand geht. Nicht nur die Nachwuchsgewinnung sei schwierig: „Große
Mitbewerber wie die Raffinerie Exxon bieten jungen Talenten viele
Entwicklungsmöglichkeiten.“ Auch der Abfluss von Know-how macht ihm
Sorgen und lässt ihn aktiv werden. Einerseits versucht er,
Schlüsselpositionen so zu besetzen, dass der neue Mitarbeitende eine
Zeit lang mit seinem Vorgänger zusammenarbeitet. Das ist ihm mit dem
neuen Produktionsleiter gelungen, der noch drei Monate vom Wissen des
alten profitierte. Auch ein Tagschichtleiter konnte seinen Nachfolger
zwei Jahre lang einarbeiten. „Das klappt leider nicht immer“, sagt
Müller.
Andererseits überzeugt Müller Kollegen wie Harold
Solomon, länger zu bleiben. Solomon ist seit 30 Jahren im Betrieb, und
statt im Januar 2025 ganz in Rente zu gehen, arbeitet er jetzt noch ein
Jahr halbtags. „So können die jüngeren Kollegen von seiner Erfahrung
profitieren. Er ist da, wenn Fragen auftauchen, die nicht im Lehrbuch
stehen.“ Am liebsten wäre Müller eine Mischung aus Jung und Alt. Solomon
nahm das Angebot an.