Drei, zwei, eins – meins?
E-Auktionen
oder elektronische Massenausschreibungen haben ihre ganz eigenen
Tücken. Das GPL-Team hat sich im Rahmen von Procurement Excellence
erfolgreich an diese Themen herangewagt.
Da
gibt es die Anfänger: Sie stellen ihre Ware auf der Auktionsplattform
Ebay zu einem Mindestgebot ein und warten ab. Das geht meist schief, am
Ende erfolgt der Zuschlag zum Mindestpreis. Dann gibt es die
Fortgeschrittenen: Die überlegen sich, wann die Auktion enden soll.
Morgens um fünf schlafen die meisten, abends um neun multitasken viele:
Sie streamen Serien und schauen gleichzeitig auf ihr Handy – ein guter
Zeitpunkt, um die Auktion zu beenden. Vielleicht entwickelt sich dann
eine Bieterschlacht, die den Preis in die Höhe treibt. Und dann sind da
noch die Profis: Sie denken an alles – Startpreis, Timing,
Bieterkommunikation. Sie holen das meiste raus – und das gelingt ihnen
dank ihrer Erfahrung.
Erfahrungen sammeln –
Strategien entwickeln
Und
genau diese Erfahrung sammeln auch die Kolleginnen und Kollegen, die
für LANXESS E-Auktionen initiieren. Sabine Deppe, Group Function Global
Procurement & Logistics, leitet das neu geschaffene Center of
Excellence eSourcing. Ihr Team ist am Zug, wenn es um die strategische
digitale Warenbeschaffung geht. Inzwischen hat es gemeinsam mit anderen
Einkäufern zahlreiche E-Auktionen geleitet: „Wir haben zum Beispiel
erstmals Rohstoffe auf dem digitalen Chemiemarktplatz Pinpools
ausgeschrieben“, erzählt sie. „Natürlich ähnelt diese Auktion auch einer
Ebay-Auktion. Nur umgekehrt: Wir geben unsere Einstiegspreise vor und
beobachten, wie sich die Bieter gegenseitig unterbieten.“ Und das
funktioniert. „Im Durchschnitt sehen wir mit E-Auktionen ein
Einsparpotenzial von 5 bis 7 Prozent im Einkauf.“ Manchmal ist sogar
noch mehr drin. „Wir stehen erst am Anfang und lernen noch“, sagt Deppe.
So beobachtet das Team die unterschiedlichen Bieterstrategien: Die
Aggressiven bieten gleich zu Beginn einen niedrigen Preis, andere
steigen erst in der letzten Phase ein. „Wir analysieren den Prozess,
sammeln Erfahrungen und stehen dazu in engem Erfahrungsaustausch mit dem
Commmercial-Excel-
lence-Team“, sagt Sabine Deppe. Doch die ersten
Erfolge können sich sehen lassen: „In der Spitze haben wir sogar bis zu
20 Prozent eingespart.“
Potenziale heben
Und das sind nur die
E-Auktionen. Ein anderes, größeres Projekt, das sie mit ihrem Team im
Rahmen von Procurement Excellence gerade abgeschlossen hat, ist die
erste weltweite digitale Massenausschreibung von über 2.000 chemischen
Materialbedarfen an über 1.000 Lieferanten. Das entspricht einem
Einkaufswert von rund 280 Millionen Euro. Die zum Teil kleinvolumigen
oder unregelmäßig beschafften Produkte wurden schnell identifiziert. Für
die Ausschreibung musste das Team gemeinsam mit anderen Einkäufern und
den Business Units zunächst die Spezifikationen für jeden Standort genau
dokumentieren. „Das war ein enormer Aufwand – alle Beteiligten haben
hier in kurzer Zeit einen tollen Job gemacht“, sagt Sabine Deppe. „Und
die Lieferanten, vor allem die Chemiedistributeure, begrüßen diese
erstmalige
globale Transparenz.“
Tool erfolgreich eingesetzt
Für
den Datenaustausch mit den Lieferanten und die Auswertung der Angebote
kam eine digitale Schnittstelle zum Einsatz, der Coupa Sales Optimizer.
„Mit diesem Tool konnten wir die mehr als 6.300 erhaltenen Preispunkte
effizient auswerten.“ Das habe sehr gut geklappt, mit Excel wäre das in
dem Umfang und der Geschwindigkeit nicht möglich gewesen. „Die
unterschiedlichen Vergabeszenarien konnten wir mit dem Tool sehr gut
abbilden.“ Durch die Vorgabe von Kriterien liefert das Tool
maßgeschneiderte Auswertungen. So wägt es beispielsweise den Aufwand für
die notwendige Requalifizierung eines Lieferanten gegen dessen
Preisvorteil ab. Die Ergebnisse des Tools wurden von den Einkäufern
überprüft. Mussten etwa neue Lieferanten qualifiziert werden, gaben sie
diese Information an die BUs weiter. „Das waren zum Teil alte Bekannte,
die über diese Ausschreibung wieder als Lieferanten ins Spiel kamen“,
erzählt Deppe.
Psychologischer Effekt: Preise gesenkt
Interessant
war, dass bestehende Lieferanten allein durch die digitale globale
Ausschreibung ihre Preise senkten: „Damit haben wir Druck erzeugt“, sagt
sie. Insgesamt identifizierte das Team ein Einsparpotenzial von rund 20
Millionen Euro. 10 Millionen davon wurden schneller als geplant
generiert. „Das lag an der sehr guten Zusammenarbeit mit den BUs“, sagt
sie. Derzeit plant das Team die nächsten regionalen Ausschreibungen für
Europa, Nordamerika und Asien. „Wir wollen den Druck im Markt hoch
halten und weitere Ausschreibungsrunden starten.“ In Zukunft will das
Team auch KI-basierte Tools einsetzen. Insbesondere könnten Antworten an
Lieferanten bei Rückfragen zur digitalen Schnittstelle automatisiert
werden. „Dabei werden wir von den Kolleginnen und Kollegen der GF IT
hervorragend unterstützt.“ Mit den bisherigen Ergebnissen ist sie sehr
zufrieden. „Wir haben bei beiden Methoden, der digitalen
Massenausschreibung und den E-Auktionen, gesehen, dass sie funktionieren
und den BUs auch wirtschaftlich etwas bringen. Außerdem haben wir neue
Erkenntnisse gewonnen, die auch für die Kolleginnen und Kollegen aus
Marketing & Sales im Konzern wertvoll sind.“
Wer weiß, was
noch alles möglich ist, wenn das Team der GF GPL die Klaviatur der
digitalen Ausschreibungsstrategien erst einmal perfekt beherrscht. Man
darf gespannt sein.
Zitate
„Die
digitale Massenausschreibung hat für uns direkt zu Einsparungen
geführt. Unsere bestehenden Lieferanten haben einfach ihre letzten
Preise in ihre Angebote übernommen. Diese waren nun Ausgangspunkt für
zwei weitere Verhandlungsrunden. So konnten wir bei einigen Rohstoffen
bessere Preise erzielen. Außerdem hat sich unser Lieferantenpool durch
die Ausschreibung vergrößert – vor allem in China und Indien. Jetzt
müssen wir zwar noch deren Rohstoffqualitäten prüfen, aber auch hier
könnte es sich für uns lohnen.“
Stefan Tiebach, Leiter globales Marketing, Business Unit Polymer Additives
„Das
Massenausschreibungsverfahren für Tail-End-Rohstoffe ist auf die
Bedürfnisse unserer Business Line zugeschnitten. Rund 1.000
Verkaufsprodukte werden weltweit in der eigenen Produktion hergestellt
und laufend an die aktuellen Kunden- und Marktbedürfnisse angepasst.
Entsprechend komplex und kleinteilig ist das dazugehörige
Rohstoffportfolio. Das Ausschreibungsverfahren hilft uns nicht nur, die
Komplexität zu beherrschen, sondern verspricht auch Kosteneinsparungen.“
Holger Mersmann, Leiter Business Line Specialty Rubber Products, BU RCH
„Wir
haben in diesem Jahr digitale Massenausschreibungen und E-Auktionen als
neue Werkzeuge in unseren Einkaufsprozess integriert. Insbesondere die
Kombination mit klassischen Ausschreibungstechniken erwies sich als
erfolgreich. Deshalb arbeiten wir eng mit dem Commercial-Excellence-Team
zusammen. Wir werden beide Verfahren bei noch mehr Rohstoffen und
Packmitteln regelmäßig nutzen. Das wird letztlich zu weiteren
Einsparungen führen.“
Matthias Gotta, Head of Direct Materials, GF GPL