Perspektivwechsel
Im Frühsommer war viel los in Mannheim.
Erst analysierte das Team von Global Technology, BU RCH, den Rhein
Chemie-Standort und dann kam das Team Site Diagnostics von Operational
Excellence für vier Wochen. Das Ziel der Anstrengung: die Produktion unter den
derzeitigen Bedingungen zu optimieren. Das vorläufige Ergebnis: Werden alle
identifizierten Vorschläge umgesetzt, würden die Herstellungskosten
voraussichtlich deutlich sinken. Das Team steckt nun mitten in der Umsetzung.
Es
wirkt wie ein Spaziergang, wenn Betriebsleiter Dirk Kaempfer übers
Anlagengelände und durch die Produktionshallen des Rhein Chemie-Betriebs
in Mannheim geht. In früheren Zeiten hätte man geschrieben: „Der Chef
sieht nach dem Rechten.“ Aber über solche Formulierungen kann Kaempfer
nur lachen. „Ich sehe mich in der Verantwortung, dass mein Team optimale
Bedingungen für seine Arbeit vorfindet. Und dafür muss ich auch für sie
sichtbar und ansprechbar sein.“ Außerdem ist er so immer auf dem
Laufenden. Er ist nah dran – an den Kollegen und der Produktion. Als es
im Sommer heiß wurde, war Kaempfer froh, dass er dank der Initiative des
Betrieblichen Gesundheitsmanagements Kühlwesten für die Kollegen hatte.
Sie werden einfach unter der Arbeitsjacke getragen und bestehen aus
einzelnen kleinen Kühlpads. Er macht sich so seine Gedanken bei seinen
Gängen.
Ein
Dorn im Auge war ihm stets die Bereitstellungsfläche vor einem der
Gebäude. Die Paletten mit den Rohstoffen stapelten sich. Warum
eigentlich? Schichtmeister Sven Müller lieferte die Antwort: „Die
Logistik-Kollegen müssen ihre LKW schnell leeren und sind auch nicht so
in unsere Abläufe eingebunden, dass sie wissen, wohin welcher Rohstoff
gehört. Sie können sie nicht sortieren. Uns macht das dann viel Arbeit.“
In Zeiten, in denen jede Arbeitskraft einen durchgetakteten Tag hat,
kann solch eine Verzögerung im Ablauf zu Produktionsunterbrechungen
führen. Unter dem Punkt „Rohstoffbereitstellung Produktionslogistik“
wurde dieses Problem nun aus der Welt geschafft. Das Team von
Operational Excellence Site Diagnostics, OESD, und das von Global
Technology haben bei ihren Analysen der Abläufe erkannt, dass solche
Verzögerungen einen größeren Impact haben, als der Laie vermuten würde.
Mit den Logistikern wurde vereinbart, dass sie nun ihre Paletten direkt
an Ort und Stelle abliefern. Das allein kann bis zu 300 Tonnen mehr
Produktionsleistung pro Jahr bringen.
Im
Zuge dieser Analysen wurden nun auch zur Effizienzsteigerung die
Kampagnenlängen umgestellt. Gemeint ist damit, wie viel von welchem
Produkt am Stück produziert wird. „Wir produzieren nun auch auf Halde –
wenn auch nicht viel“, erläutert Kaempfer. Hierin liegt ein Vorteil:
Denn bei jeder Produktumstellung müssen die Anlagen geputzt und
gesäubert werden. Das dauert Stunden. „Jetzt produzieren wir ein Produkt
nicht an drei verschiedenen Tagen jeweils acht Stunden, sondern einmal
24 Stunden durch. Dadurch entfallen mehrere Putzeinheiten.“ Was die
Mitarbeiter freut. Wer putzt schon gern? Aber hätte man das nicht schon
früher machen können? „Theoretisch ja, aber wir standen immer unter
Zeitdruck – auch mit den anderen Produkten.“ Das OESD-Team gab ihnen
Rückendeckung, mit den Kunden zu sprechen, den Kreislauf zu
durchbrechen, auch wenn dann für kurze Zeit ein bestimmtes Produkt eine
längere Lieferzeit hat. „Wir sind sehr froh über diese Änderung.“
Den
Punkt Füllgraderhöhung – auch eine Maßnahme, die sich aus den Analysen
der beiden Teams ergab – haben die Mannheimer direkt aufgegriffen.
Früher gab man der Einfachheit und Schnelligkeit wegen den Rohstoff nur
säckeweise in die Mischanlagen. Nun füllen sie auch halbe Säcke ein. Das
erhöht die Produktivität: geschätzt wurde um rund zehn Prozent.
Allerdings ist das etwas tricky, denn Temperatur, Drehzahl und
Verweildauer verändern sich mit der erhöhten Füllmenge. Da kommt
Verfahrenstechniker Uwe Kling ins Spiel. Er passt die Rezepturen an.
Nach rund 20 Produktionsversuchen liegt die Produktivitätssteigerung
sogar etwas über zehn Prozent.
Insgesamt gab es für den Betrieb
elf Verbesserungsmaßnahmen. Diese werden natürlich so weit wie möglich
auch weltweit angewandt. Indien hat mit der Füllgraderhöhung ebenfalls
erfolgreich gestartet.
Dirk Kaempfer begrüßte den Einsatz der
Analyse-Teams: „Das OESD-Team griff auf unsere Analysen zurück und fand
dazu weitere Maßnahmen. Das Gute an dem OESD-Team war, dass es
allumfassend auf uns geschaut hat. Also nicht nur auf den reinen
Produktionsprozess, sondern auch auf unsere Dienstleister, Zulieferer
oder auch unser Accounting. “
Das OESD -Team hatte die
Vogelperspektive eingenommen und alles im Blick – ein Blick, der
leichter fällt, wenn man nicht jeden Tag mittendrin im Geschehen ist.
Die acht Kolleginnen und Kollegen beschäftigten sich den ganzen Juni mit
der Rhein Chemie, manchmal vor Ort oder digital über Teams. Es gab viel
zu tun, alle Informationen beschaffte Kaempfer mit seinen Leuten. „Es
war eine sehr gute, kollegiale Zusammenarbeit“, sagt Kaempfer.
Projektleiter Gerald John erläutert das Ziel des OESD-Teams: „Der
Schlüssel zum Erfolg ist die konsequente Nutzung des Potenzials
digitaler Technologien. Das fängt bei der
systematischen
Datenanalyse an und geht bis hin zum Einsatz von Künstlicher
Intelligenz. So ist es kein Wunder, dass auch in Mannheim mit
Datenanalysen Möglichkeiten zur Optimierung der
Batch-Produktionsprozesse identifiziert wurden. Daneben standen auch
Themen der Prozessführung und Automatisierung im Fokus.“
Auch
nahm das OESD-Team offen die zuvor erarbeiteten Vorschläge des Global
Technology-Teams an. „Wir probieren alle Vorschläge aus. Schließlich ist
es in unser aller Interesse, unsere Anlage optimal zu fahren und so
effizient wie möglich zu produzieren“, sagt Kaempfer. In den kommenden
Monaten wird das OESD-Team noch einmal wiederkommen. Dann stehen die
Analyse der Standortdienstleistungen und die des Produktionsbereiches
der BU LAB an. So soll die Optimierung des Standortes insgesamt weiter
vorangetrieben werden. Da LAB und RCH enge Geschäftsbeziehungen
miteinander haben und der Standort sich viele Dienstleistungen teilt,
könnten so weitere Verbesserungen herauskommen. Jetzt ist das Team von
Dirk Müller erst mal mit Mitarbeitenden der BU PLA am
LANXESS-Standort in El Dorado, USA.
Das
OESD-Team geht davon aus, dass bei der Umsetzung der Maßnahmen in
Mannheim die Herstellungskosten deutlich gesenkt werden können. „Wir
wollen das schaffen“, sagt Kaempfer. Vor allem, weil es so sinnvolle und
für die Belegschaft teilweise auch arbeitserleichternde Maßnahmen sind.
Da zeigt sich, wie viel der Blick aufs große Ganze kombiniert mit dem
fürs Detail bringen kann: ziemlich viel.
Informationsbox:
Die Betriebe im Fokus
Das
Expertenteam Operational Excellence Site Diagnostics (OESD) analysiert
und optimiert die Produktion wichtiger LANXESS-Standorte. Dirk Müller,
Leiter des OESD-Teams: „Bei unseren Analysen geht es im Kern um zwei
Fragen: Haben wir an unseren Standorten die richtige Anlagenstruktur, um
die Kundenwünsche bestmöglich zu erfüllen? Und: Betreiben wir unsere
Anlagen optimal, d.h. mit höchster Effizienz? Indem wir diesen Fragen
auf den Grund gehen, entwickeln wir neue Lösungen für unsere
Produktionsbereiche, mit denen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit
steigern.“ Für ihn ist dabei klar: „Die besten Lösungen finden wir nur
in enger Zusammenarbeit gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der
jeweiligen Business Unit. Und das hat in Mannheim bei unserem
Pilotbetrieb der Rhein Chemie gut geklappt.“