Sie bezeichnen sich selbst als Feminis- ten. Was verstehen Sie unter dem Be- griff? Und warum sollten auch Männer Feministen sein? HERR & SPEER: Feministin oder Feminist ist, wer vom gleichen Wert beider bzw. aller Geschlechter überzeugt ist und für eine Welt eintritt, in der dies auch gelebt wird. Es geht also um ein Leben und Arbeiten auf Augenhö- he, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So be- trachtet können auch Männer Feministen sein, denn eine gleichberechtigte Gesellschaft und Unternehmenswelt ist gut für uns alle. Wir sind daher der Überzeugung, dass Männer den Feminismus unterstützen können und sollten. Zum Beispiel als Brückenbauer im Austausch mit anderen Männern. Wenn Männer sagen: „Frauen sind doch längst emanzipiert. Da brauche ich doch gar nichts mehr zu tun“ – warum würden Sie widersprechen? HERR & SPEER: Weil sich darin die äußerst unterschiedliche Realitätswahrnehmung von Männern und Frauen widerspiegelt. Viele Männer glauben tatsächlich, Frauen seien be- reits vollkommen gleichberechtigt oder die Un- gleichheit hätte mit ihnen selbst wenig zu tun. Wer Sexismus nicht oder selten erlebt (wie die meisten Männer), tut sich auch schwerer da- mit, das Problem als solches überhaupt erst zu erkennen. Für uns gilt hier ganz klar die Regel: „Wer nicht Teil der Lösung ist, ist automatisch Teil des Problems.“ Denn auch Wegschau- en, Nicht-Eingreifen, das Marginalisieren von diskriminierenden Erfahrungen anderer oder eine unreflektierte Art des Sprechens ist oft genauso schmerzhaft wie das Problem selbst. „Was darf ich überhaupt noch sa- gen …?“ Viele Männer fühlen sich viel- leicht ja auch ein wenig verunsichert. Wo fängt Sexismus an und wie sensibel müs- sen wir tatsächlich sein? HERR & SPEER: Ob ein Spruch sexis- tisch ist, hängt am Ende davon ab, wie er von den Betroffenen wahrgenommen wird. Daher spielen insbesondere Machtgefälle und Abhängigkeiten eine große Rolle. Der Witz, der unter Freundinnen lustig ist, kann beinharte Diskriminierung sein, wenn er vom Chef kommt. Daher ist der Kontext absolut entscheidend. So kompliziert ist es eigentlich nicht: Je formeller die Situation, je größer das Hierarchiegefälle, desto achtsamer sollten HERR & SPEER sind ein Autoren- und Aktivistenteam aus Berlin, das aus Vin- cent-Immanuel Herr und Martin Speer besteht und das sich unter anderem für das Thema Geschlechtergerechtigkeit einsetzt. Beide wurden für ihr Engagement bereits mehrfach ausgezeichnet und sind seit 2018 deutsche Botschafter der Kampagne „HeForShe“ der Vereinten Nationen. wir miteinander sprechen und umgehen. Im Zweifelsfall können Männer auch Frauen mal ehrlich fragen, ob bestimmte Aussagen oder Scherze in Ordnung sind. Sind Männer denn auch heute noch sozusagen das „privilegiertes Ge- schlecht“? HERR & SPEER: In gewisser Weise schon. Privilegien sind, kurz beschrieben, all die Vor- teile oder Vorrechte, die eine Person genießt. Das sichere Gefühl, mit dem wir uns nachts auf der Straße bewegen, die wenigen Anspie- lungen, die wir auf Grund unseres Aussehens erhalten, oder die Tatsache, dass wir in Mee- tings weniger unterbrochen oder übertönt werden: All das sind männliche Privilegien. Uns Männern fällt das oft nicht auf, schließlich sind wir mit diesen Privilegien groß geworden und haben sie nicht als Ausnahme, sondern als die Regel wahrgenommen. Es lohnt sich daher, unsere Privilegien einmal kritisch zu reflektieren. Wie stehen Sie denn zu gesetzlichen Auflagen wie der Frauenquote? HERR & SPEER: Wir sind grundsätzlich Un- terstützer einer Frauenquote, auch weil sich klar gezeigt hat, dass freiwillige Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Frauen in Füh- rungspositionen in den meisten Fällen auch nach Jahren bzw. Jahrzehnten nur marginale Bewegung auslösen. Hier braucht es mehr Verbindlichkeit. Grundsätzlich gilt, dass solch einschneidende Instrumente wie die Quote flankiert werden sollten von Maßnahmen, die die Geschlechter- und Kommunikations- kompetenz im Unternehmen fördern. Dazu könnten zum Beispiel regelmäßige Trainings und Workshops zur Geschlechtergerechtig- keit gehören. Aber auch sichere Räume für einen offenen Austausch sind wichtig. Und es braucht Männer, die bereit sind, als Role Models das Thema vorzuleben und die so an- deren Männern die Möglichkeit geben, sich ebenfalls aus der Deckung zu trauen. Warum tut eine geschlechtergerechte Lebens- und Arbeitswelt allen gut? HERR & SPEER: Eine breite Studienbasis zeigt, wie vorteilhaft ein geschlechtergerech- tes Lebens- und Arbeitsumfeld für alle ist. Gemischte Teams sind produktiver und inno- vativer, zwischenmenschliche Beziehungen sind stabiler und friedvoller, und auch für je- den und jede individuell ist es eine Bereiche- rung. Untersuchungen zeigen, dass Männer beispielsweise gesünder leben, seltener krank werden oder besser schlafen, wenn sie sich in einem geschlechtergerechten Umfeld be- wegen. Tickets für Workshop mit Herr & Speer zu gewinnen Sie sind interessiert am Thema und möchten gerne mit anderen Kolleginnen und Kollegen darüber diskutieren? Dann machen Sie mit bei unserer Verlosung und gewinnen Sie ein Ticket für einen Workshop mit Herr & Speer, zu dem die „Women Initiative LANXESS" (WInX) am 12. September in den Kölner LANXESS-Tower einlädt. Die Veranstal- tung findet auf Deutsch statt. Wenn Sie teilnehmen möchten, schicken Sie bis zum 1. August eine E-Mail mit dem Betreff „Workshop“ an xpress@lanxess.com. Die Gewinner werden persönlich benachrich- tigt. Sie haben Interesse an WInX oder möchten dem Netzwerk beitreten? Dann schreiben Sie an: winx@lanxess.com S S E X N A L : s o t o F 02.2022 | Xpress 17